Die Woche in Chemnitz und Umgebung. Alles, was man erwartet. Nur lauter, langsamer und mit mehr Aktenzeichen.
Montag, 14.9.
Der Wertstoffhof an der Blankenauer Straße macht dicht, bis zum 3. Oktober, offiziell wegen einer neuen Trinkwasserleitung direkt an der Zufahrt. Wer in den letzten Wochen mit dem Gedanken gespielt hat, endlich den Keller zu entrümpeln – Pech gehabt, der Sperrmüll muss jetzt Untermieter bleiben.
Parallel dazu meldet die Stadtbibliothek den Start eines Verleihs digitaler Lernspiele für Kinder. Fortschritt lässt sich eben auch in Tablets pro Bücherregal messen, warum nicht.
Dienstag, 15.9.
Die TU Chemnitz eröffnet ein neues Kryolabor für Quantencomputer-Forschung, Betriebstemperatur minus 269 Grad. Kälter als mancher Ratsbeschluss, wobei man sich fragen darf, welcher Ratsbeschluss überhaupt konkurrieren könnte – dazu gleich mehr.
Beim Streit um rund fünf Millionen Euro für die Rettungsleitstelle kritisieren AfD und BSW eine Eilentscheidung, weil der Stadtrat vorher nicht beteiligt wurde. Die eigens einberufene Sondersitzung endet ohne Beschluss. Man tagte über eine Leitstelle für Notfälle und stellte am Ende fest: der eigentliche Notfall sitzt im Sitzungssaal. Zur Verteidigung der Verwaltung ließe sich anführen, dass Eile bekanntlich eine Tugend ist, wenn man sie nur konsequent genug vor der eigenen Vertretungskörperschaft geheim hält.
Mittwoch, 16.9.
Der Ausbau der Zwickauer Straße wird verkündet: Baustart am 21. September, fertig – mutmaßlich – Mitte 2028, Kosten 4,4 Millionen Euro, Ertrag 36 neue Bäume auf knapp 500 Metern. Ein Baum pro vierzehn Meter, ein Jahr Bauzeit pro Vierteltausend Metern Straße. Man kann das grundhaften Ausbau nennen. Man kann es auch geologische Prozessgeschwindigkeit nennen.
Außerdem lädt die Stadt die Sportvereine für den 30. September zum offenen Gespräch mit Oberbürgermeister Sven Schulze ein, Anmeldeschluss ist der 28. Der Dialogkalender der Verwaltung füllt sich diese Saison zuverlässig – nach den Kleingärtnern jetzt die Vereine, als würde die Stadt eine Bürgerbeteiligungs-Bingokarte volltragen wollen.
Donnerstag, 17.9.
Chemnitzer Kleingartenvereine treffen sich im Luxor mit der Stadt zum Austausch über ihre Anliegen. Worüber genau, bleibt Vereinsgeheimnis, aber wetten würde ich auf Laubenordnung und Heckenhöhe.
Beim CFC übt man derweil öffentlich Selbstkritik: Nach dem durchwachsenen Heimspiel gegen Babelsberg sprechen Trainer Benjamin Duda und Kapitän David Vogt offen über Ballverluste, Passgenauigkeit und verschenkte Chancen. Ehrlichkeit, die man sich im Rathaus manchmal auch wünschen würde. Läuft semigut, sagen sie selbst. Immerhin.
Eröffnung des Festival „Light our Vision". Die Beisterung in diesem Jahr, eher Semi. Immerhin erstrahlt das ehemalige Hotel Kongress, seit Januar leerstehend und rund 40 Arbeitsplätze ärmer, in neuem Licht. Das Festival projiziert unter dem Motto „Licht.Setzt.Zeichen." interaktive Retro-Games wie Snake und Pac-Man auf die Fassade, steuerbar vom Publikum. Ein Gebäude, das keine Nutzung mehr findet, bekommt wenigstens einen Highscore. Das nennt man wohl kreativen Umgang mit städtischem Leerstand..
Freitag, 18.9.
Der geplante Aldi an der Zwickauer Straße muss nun doch eine ausführliche Umweltprüfung durchlaufen, bis zu 1.000 Quadratmeter Verkaufsfläche waren geplant, ein Baustart 2026 gilt als „kaum realistisch". Der Discounter wartet damit vermutlich länger auf seine Genehmigung als die Straße vor seiner Tür auf ihren Ausbau. Zwei Bauvorhaben, ein Motto: Geduld.
Im Opernhaus, in der fabrik und open air läuft derweil weiter das 12. Internationale Festival für zeitgenössischen Tanz. Kultur trotz Bauzaun, sozusagen.
Samstag, 19.9.
Ein DDR-Plattenbau ist zu einem energieeffizienten Solarhaus umgebaut worden, ein Rentnerpaar zieht auf rund 80 Quadratmetern ein, Pauschalmiete inklusive Nebenkosten etwa 1.000 Euro. Die Platte hat also den Glow-up geschafft, von dem sich mancher Altbau-Vermieter noch eine Scheibe abschneiden könnte.
Sachsenweit bereitet sich die Automobilbranche derweil auf einen großen Protesttag vor, Zwickau, Chemnitz und Dresden sind mit dabei. Die Werksbänke werden diese Woche wohl lauter als die Kirchenglocken.
Sonntag, 20.9.
Der CFC tritt bei der BSG Chemie Leipzig an – dort hat man in der Liga seit sechs Jahren nicht gewonnen. Tradition verpflichtet, heißt es dann wohl, leider zur falschen Sache.
Am Fuße des Sonnenbergs stellen derweil Kritiker des geplanten Brückenabrisses an der Hainstraße ihre eigene Nutzerzählung vor Ort vor – fast 800 Menschen haben die Petition gegen den ersatzlosen Abriss bereits unterschrieben. Die Stadt will die marode Fußgängerbrücke über die Bahngleise ohne Neubau verschwinden lassen, die Bürger zählen currently lieber nach, wer sie eigentlich nutzt. Zwei Zahlen, ein Streit, kein Ende in Sicht.
Und auf dem Seeberplatz steht weiterhin, unbeeindruckt von alledem, ein 2,9 Tonnen schweres UFO-Kunstobjekt, mit dem junge Menschen ihre Vorstellungen vom Leben in Chemnitz einbringen sollen. Das „Herz von Chemnitz" schlägt derzeit also aus Stahl und wiegt fast drei Tonnen. Man nimmt, was man kriegt.
Blaulicht der Woche
Im Zentrum ist eigentlich immer was los, das ist bekannt, aber diese Woche hatte die Chemnitzer Polizei mal wieder ihre Momente. In Hilbersdorf schnappt man sich einen 23-Jährigen, der in mindestens drei Fahrzeuge eingedrungen sein soll. Im Gepäck Handys, Sonnenbrillen und, natürlich, zwei Messer.
Einer 84-Jährigen wird in der City-Bahn der Rucksack gestohlen, ein 39-Jähriger wird kurz darauf in Erfenschlag gestellt. Rucksack und Geldbörse tauchen versteckt in einem Papierkorb und einer Streukiste wieder auf. Die Streukiste als Tresor, mutig gedacht, aber der Bundespolizei nicht gewachsen. Kleiner Punkt fürs Team Ordnung. Eine weitere Reisende wird im Zug bestohlen, diesmal sind es die Diensthunde, die den Täter aus der Reserve locken. Läuft für die Vierbeiner.
Am Donnerstag rammt jemand einen Streifenwagen und sucht das Weite, ohne sich weiter vorzustellen Nummer, Name, nichts, einfach weg. Praktisch für die Geschädigten die zur Unfallaufnahme kurze Wege haben. Und am Erich-Heckel-Platz sorgt ein Herr für Aufsehen, der sich morgens öffentlich zur Schau stellt und bevor die Streife eintrifft spurlos verschindet. Die Polizei hat trotzdem Hinweise zur Identität der nackten Tasachen. Manchmal braucht es keine Verfolgungsjagd, nur aufmerksame Nachbarn.
Nebenbei binden am Wochenende mehrere Versammlungen Kräfte, was insgesamt den Eindruck bestätigt: Die Einsatzkräfte hatten diese Woche wenig Leerlauf.
Umland, An einer Windkraftanlage in Striegistal schneiden Unbekannte 200 Meter Kupferkabel heraus. Die Energiewende wird hier offenbar nicht diskutiert, sondern direkt verkabelt abtransportiert.
Amtlicher Messerbericht der Woche: Die Stadt Chemnitz meldet für die Berichtswoche mindestens drei polizeilich dokumentierte Messersichtungen – Tendenz, stabil bis leicht zunehmend. Die Klingenlage bleibt damit bewölkt bis vereinzelt scharf, im Tagesverlauf einzelne Ausbrüche nicht ausgeschlossen, Wochenendtief in der Innenstadt. Wer heute rausgeht: Jacke reicht, Kettenhemd optional, Messerwarnstufe Gelb.
Bilanz einer Woche, die Stadt Cjemnitz die an 500 Straßenmetern zwei Jahre bauen will, mit Kleingärtnern und Sportvereinen redet, eine Platte zum Solarhaus veredelt, ein Umland hat, dem der Energiewende das Kupfer ausgeht, und eine Innenstadt, in der Messer offenbar mehr Karriere machen als so mancher Stadtratsbeschluss.