Die Woche in Chemnitz und Umgebung. Eine Woche, in der Chemnitz den Wald auf den Klimawandel vorbereitete, Menschen durch Sport integrierte, Müllplätze möglicherweise mit Kameras ausstatten wollte, über Millionen für einen leeren Ratskeller nachdachte und ein denkmalgeschütztes Haus für eine Straßenbahn zum Abriss freigab.
Also im Grund eine ganz normale Woche.
Montag, 21. September – Erinnerungen im Grünen und staatlich angekündigte Langsamkeit
Die Woche begann behutsam. Im Botanischen Garten lud die Stadt im Rahmen ihrer „MACH’S GRÜNER“-Tage zu einer Führung unter dem Titel „Wenn Pflanzen Erinnerungen wecken“ ein. Angesprochen waren Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen; versprochen wurden eine barrierearme Führung „ohne Zeitdruck“ und kleine Sinnesmomente zwischen den Pflanzen.
Zeitdruck gab es dafür auf Chemnitzer Straßen. Die Stadt hatte für die Woche Geschwindigkeitskontrollen unter anderem auf Oberfrohnaer, Waldenburger und Further Straße sowie am Adalbert-Stifter-Weg und auf der Rosmarinstraße angekündigt. Die Polizeidirektion selbst veröffentlicht ihre Kontrollstellen inzwischen nicht mehr. Man darf weiterhin wissen, wo die Stadt blitzt. Wo die Polizei blitzt, weiß man erst, wenn es rot wird. Ein kleiner Beitrag zur kommunalen Spannungskultur.
Dienstag, 22. September – Der Wald wird umgebaut, die Beratung dafür geschlossen
Dienstag kümmerte sich Chemnitz um den Umbau des Zeisigwaldes in Zeiten des Klimawandels. Sachsenforst und Volkshochschule führten Interessierte durch mehr als 20 Baumarten und erklärten Standortansprüche, Wildverbiss, Bodenvegetation und Strategien des Waldumbaus. Der Chemnitzer Wald bekommt damit eine langfristige Transformationsstrategie. Manche Stadtimmobilien wären vermutlich schon froh über einen Handwerkertermin.
Wer unterdessen am Dienstag die Polizeiliche Beratungsstelle in der Brückenstraße aufsuchen wollte, hatte Pech. Die Polizei hatte vorsorglich mitgeteilt, dass der obligatorische Beratungstag am 22. September „aus dienstlichen Gründen“ entfällt. Ebenso der am 29. September. Verwaltungslyrik in ihrer reinsten Form: Die Beratungsstelle berät darüber, wann keine Beratung stattfindet. Immerhin rechtzeitig.
Mittwoch, 23. September – Integration durch Sport und Gastronomie durch Abwesenheit
Am Sonnenberg lud das Integrationsnetzwerk der Stadt erstmals zum „COME TOGETHER – Integration durch Sport“. Vereine, Beratungsstellen und Organisationen sollten insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte und ihren Kindern zeigen, welche Sportangebote es gibt, wie man Mitglied, Trainer oder Ehrenamtlicher werden kann und welche finanziellen Hilfen für Vereinssport bestehen. Der Chemnitzer FC war gemeinsam mit seinem tschechischen Partnerverein aus Most dabei.
Fußball verbindet Menschen über Herkunft, Sprache und Grenzen hinweg. Außer vielleicht montags nach einer 0:3-Niederlage. Da endet europäische Verständigung erfahrungsgemäß irgendwo zwischen Parkplatz und Trainerdiskussion.
Derweil meldete sich ein anderes Chemnitzer Traditionsprojekt zurück: der Ratskeller. Rund 8,4 Millionen Euro werden nach Angaben der Stadt mittlerweile für die Fertigstellung der Sanierung veranschlagt. Etwa 1,8 Millionen Euro seien bereits geflossen, der zweite Bauabschnitt ruhe jedoch seit 2022. Das frühere Ziel, den Ratskeller noch 2026 wieder zu vermieten, ist nicht erreicht; Gespräche mit potenziellen Betreibern liefen weiter. Eine „einstellige Anzahl“ von Interessenten hatte sich laut Bericht gemeldet. Bei 8,4 Millionen Euro Sanierungsbedarf ist das vermutlich auch die angemessene Maßeinheit.
Donnerstag, 24. September – Müll überwachen, Müll teilen, Müll anzünden
Am Donnerstag erreichte die Chemnitzer Kreislaufwirtschaft beinahe philosophische Tiefe. Zunächst wurde über Forderungen nach mehr Kontrollen gegen illegale Müllablagerungen berichtet. Im Stadtrat beziehungsweise dessen Ausschuss wurde stärkeres Vorgehen gegen Vermüllung verlangt; CDU-Landtagspräsident Alexander Dierks sprach sich unter anderem für Videoüberwachung an vermüllten Containerplätzen und neuen Kriminalitätsschwerpunkten aus, SPD-Stadtrat Jörg Vieweg für mehr Kontrollpersonal beim ASR und schloss Kameras gegen Müllsünder ebenfalls nicht aus. Der moderne Containerplatz könnte damit künftig gleichzeitig Restmüllsammelstelle und Außenstelle der optischen Beweissicherung werden. Bitte trennen Sie Papier, Glas und Ihr Gesicht ordnungsgemäß.
Am Abend stellte die Bürgerstiftung unterdessen bei den „MACH’S GRÜNER“-Tagen „depot.social“ vor. Die Plattform soll wenig genutzte Ressourcen gemeinsam nutzbar machen und lokale Initiativen miteinander vernetzen. Ziel: Ressourcen schonen durch Teilen.
Chemnitz befand sich damit am selben Tag konzeptionell zwischen „Wir teilen Dinge, damit weniger weggeworfen wird“ und „Wir filmen den Container, weil offenbar trotzdem alles danebenliegt“. Stadtentwicklung ist kompliziert. Den Praxisbeitrag zur Abfallwirtschaft lieferte schließlich ein Müllfahrzeug in Einsiedel. Dessen Ladung geriet während der Fahrt in Brand. Der Fahrer steuerte auf einen Schotterplatz, kippte den brennenden Müll aus und verhinderte so Schlimmeres; verletzt wurde niemand. Hier funktionierte die Entsorgungskette bis zum Schluss: Müll rein, Feuer raus.
Freitag, 25. September – Die Jugend streikt, 116 Tonnen stehen
Etwa 160 Jugendliche demonstrierten am Karl-Marx-Monument im Rahmen eines bundesweiten Schulstreiks gegen eine Wehrpflicht. Rund 30 Polizisten begleiteten den Aufzug, der friedlich verlief. Zu lesen waren Parolen wie „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft“.Karl Marx schaute zu, gab aber keine Stellungnahme ab.
Auf der A4 hatten Beamte andere Sorgen. Vier Nächte lang kontrollierten Polizei und Bundesamt für Logistik und Mobilität Großraum- und Schwertransporte am Auerswalder Blick. 86 Fahrzeuge wurden kontrolliert, 31 durften zunächst nicht weiterfahren. Der Star des Programms war ein zwölfachsiger Transport mit einer etwa 69 Tonnen schweren Presse und einem Gesamtgewicht von über 116 Tonnen, für den nach Polizeiangaben die erforderlichen Genehmigungen fehlten. Gegen das Unternehmen wurde ein Einziehungsbetrag von 28.000 Euro angeordnet. Das Fahrzeug war damit gewissermaßen zu schwer für spontane Entscheidungen.
Ein DDR-Plattenbau ist zu einem energieeffizienten Solarhaus umgebaut worden, ein Rentnerpaar zieht auf rund 80 Quadratmetern ein, Pauschalmiete inklusive Nebenkosten etwa 1.000 Euro. Die Platte hat also den Glow-up geschafft, von dem sich mancher Altbau-Vermieter noch eine Scheibe abschneiden könnte.
Sachsenweit bereitet sich die Automobilbranche derweil auf einen großen Protesttag vor, Zwickau, Chemnitz und Dresden sind mit dabei. Die Werksbänke werden diese Woche wohl lauter als die Kirchenglocken.
Samstag, 26. September – Denkmalschutz mit Abrissbirne und Gender zum Mittag
An der Hartmannstraße 17 meldeten sich die noch verbliebenen Bewohner zu Wort. Das denkmalgeschützte Jugendstilhaus soll für den Ausbau des Chemnitzer Modells abgerissen werden. Der Stadtrat hatte den Grundstückskauf bereits beschlossen; ursprünglich bestanden dort Mietverhältnisse für zehn Wohnungen und fünf Gewerbeeinheiten, Ende September waren laut TAG24 noch vier Mietparteien im Haus.
Der Abriss ist nach Angaben der Stadt für den Ausbau der Strecke vorgesehen; der Planfeststellungsbeschluss ist rechtskräftig. Die Stadt beziffert den Grundstückskauf einschließlich Nebenkosten auf rund 451.000 Euro, wovon der VMS 95 Prozent trägt. Das Haus ist denkmalgeschützt. Es wird trotzdem abgerissen.
Damit ist anschaulich geklärt, was Denkmalschutz in Deutschland bedeutet: Man darf ein Gebäude nicht einfach beseitigen. Man benötigt vorher ausreichend Papier.
Im Museum Gunzenhauser konnte man am selben Samstag einen „Perspektivwechsel“ zur Ausstellung „Mahlzeit! Serving Gender“ erleben. Die Ausstellung beschäftigt sich mit Essen, Geschlechterrollen, Care-Arbeit und gesellschaftlichen Machtverhältnissen; für den Nachmittag war unter anderem eine Führung mit dem Jugendrat „Alfreds Crew“ angesetzt.
Parallel veranstaltete die Zentralbibliothek eine Kleidertauschparty unter dem Titel „Pack deine sieben Sachen!“. Im Garagen-Campus tanzten die „Tanzenden Nachbarn“. Wer am Samstagvormittag versehentlich in Chemnitz falsch abbog, konnte mittags seine Kleidung tauschen, nachmittags Geschlechterrollen beim Essen hinterfragen und anschließend mit der Nachbarin tanzen.
Früher gab es ein Stadtfest. Heute gibts Förderlogik.
Sonntag, 27. September – Feministische Stadtteile, Frauenkräuter und gärendes Gemüse
Der Sonntag war endgültig der Tag, an dem der städtische Veranstaltungskalender jede Zurückhaltung verlor.
In der Stadtwirtschaft lief „Sorge(n) um den Sonnenberg – Feministische Perspektiven auf den Stadtteil“. Im Museum Gunzenhauser blieb „Mahlzeit! Serving Gender“ geöffnet. Im Botanischen Garten gab es für 50 Euro das Seminar „Frauenkräuter für jede Lebenslage“, bei dem laut Veranstaltungsbeschreibung einheimische Pflanzen mit „hormonartigen Inhaltsstoffen“ und das „alte Heilwissen unserer Ahninnen“ behandelt wurden.
Wer danach noch gesellschaftlich oder botanisch nicht vollständig versorgt war, konnte in den Interkulturellen Garten wechseln und beim Workshop „Vom Garten auf den Teller – Gemüse fermentieren“ Kohl und Wurzelgemüse in „aromatische, lebendige Fermente“ verwandeln. Man musste zwei Schraubgläser mitbringen. Chemnitz stellte die gesellschaftliche Transformation bereit.
Im smac kamen die Etrusker. Beim Familientag wurden antike Techniken demonstriert, unter anderem Bogenschießen, Schmieden und das Herstellen römischer Öllämpchen. Damit standen am Sonntag binnen weniger Kilometer Frauenkräuter, fermentierter Kohl, feministische Stadtteilperspektiven und antikes Bogenschießen zur Verfügung. Wer daraus keinen gelungenen Sonntag bauen konnte, war vermutlich selbst schuld.
Blaulicht der Woche
Während Verwaltung und Kulturbetrieb an der besseren Stadt arbeiteten, blieb ein Teil der Bevölkerung offenbar beim klassischen Programm.
Am Sonnenberg wurde ein mutmaßlicher Kellereinbrecher festgenommen. Nach Angaben der Polizei soll er sieben Kellerabteile aufgebrochen haben; zwei mit Kupferkabel gefüllte Rucksäcke standen bereits bereit. Hausbewohner überraschten ihn, die Polizei nahm ihn später fest. Kupfer bleibt damit offenbar die inoffizielle Parallelwährung des sächsischen Kellers.
Am Tietz griff ein Unbekannter einem 35-Jährigen laut Polizei kurzerhand in die Umhängetasche, nahm Handy und Geldbörse und soll ein Messer gezogen haben, als der Eigentümer seine Sachen zurückforderte. Ermittlungsgegenstand: schwerer Raub.
Bei einer siebenstündigen Komplexkontrolle im Chemnitzer Zentrum waren 74 Polizisten eingesetzt. Gefunden wurden unter anderem Haschisch, verschreibungspflichtige Medikamente und Gegenstände, die möglicherweise aus Ladendiebstählen stammten; insgesamt entstanden zehn Strafanzeigen.
Die Innenstadt erhielt damit vorübergehend ungefähr die Personaldichte eines kleineren internationalen Gipfels.
Auf dem Kaßberg zündete jemand einen Papierkorb in einer Schultoilette an. Ein Lehrer löschte das Feuer, mehrere hundert Menschen mussten wegen des Alarms das Gebäude verlassen. Die Polizei ermittelt wegen schwerer Brandstiftung. Der Papierkorb hatte hierzu keine politische Erklärung veröffentlicht.
Noch ernster ist der Diebstahl aus dem ehemaligen Kaßberg-Gefängnis: Aus der Dauerausstellung wurde ein historischer gelber Davidstern-Aufnäher entwendet und eine Schautafel beschädigt. Wegen der historischen und politischen Bedeutung des Exponats ermittelt der Staatsschutz.
Umland: Bei einer Flucht vor der Polizei durch Rochlitz, Erlau und Hartha war ein Mercedes laut Polizei nicht zugelassen und nicht versichert, trug falsche Kennzeichen, der Fahrer besaß keine gültige Fahrerlaubnis und ein Drogentest reagierte auf Amphetamine. Während der Verfolgung verlor das Auto auch noch seinen Auspuff, über den anschließend der Streifenwagen fuhr.
Amtlicher Messerbericht der Woche: 1 Vorfall, Schwerpunkt Zentrum. Im weiteren Wochenverlauf überwiegend klingenarm bei wechselnder Bewaffnung. Messerwarnstufe Fast Grün.
Bilanz einer Woche, der Wald wird umgebaut. Gemüse wird fermentiert. Ressourcen werden geteilt. Müllplätze könnten überwacht werden. Das Jugendstilhaus kann weg, der Ratskeller bleibt stehen, obwohl dort weiterhin niemand essen kann. Auf der Autobahn wird eine 116-Tonnen-Presse gestoppt, während im Museum über Machtverhältnisse beim Essen gesprochen wird.